Unverfügbarkeit als Bedrohung – oder als Chance?

Ein Beitrag zur Aktion "Kursgruß" von Dr. Michael Schindler, Pastoralreferent SE Ravensburg Mitte

Bild:Unverfügbarkeit als Bedrohung – oder als Chance? Sicherheit gehört zu unseren urmenschlichen Grundbedürfnissen. Selten gab es im Lauf der Geschichte eine Generation, in der sich die große Mehrheit angesichts immensen ökonomischen Reichtums und stabiler politischer Verhältnisse so lange in Sicherheit wiegen durfte wie die unsere. Damit einher ging die im Grundgesetz zugesicherte Freiheit in allen nur er-denklichen Bereichen, die uns glauben machte, fast uneingeschränkt über unser Leben verfügen zu können.

Angesichts des Corona-Virus tritt nun mit Wucht zutage, dass wir trotz all unserer Möglichkeiten im Letzten nicht über unser Leben verfügen können. Unser Glauben an die Verfügbarkeit über das Leben wird untergraben. Plötzlich haben wir mit etwas zu tun, das wir nicht sehen, das wir weder wissenschaftlich unter Kontrolle noch medizinisch im Griff haben, und das wir im Grunde nicht einmal politisch regulieren können. Wir wollen die Kontrolle behalten, müssen aber feststellen, dass wir dabei an Grenzen stoßen.

Dem entspricht, was auch gläubige Menschen erfahren: letztlich sind auch unser Glaube und Gott selbst unverfügbar. Es ist nicht möglich, Gott mit frommen Worten und Werken zu manipulieren oder uns gefügig zu machen. Er oder sie bleibt ein unverfügbares Geheimnis. Das klingt alles bedrohlich, als ob wir in eine Vergangenheit katapultiert würden, wo man sich einst ohnmächtig dem Schicksal ausgeliefert sah. Hier macht der Soziologe Hartmut Rosa, einer der führenden Intellektuellen unserer Zeit, eine interessante Beobachtung.

Grundlegend ist dabei sein fulminantes Werk „Resonanz“, auf das er im letzten Jahr den kleinen Band „Unverfügbarkeit“ folgen ließ, was sich heute fast wie eine prophetische Ansage der Coronapandemie liest, wenn er das letzte Kapitel mit den Worten überschreibt „Die Rückkehr des Unverfügbaren als Monster“.
Dabei macht Rosa auf ein Paradox aufmerksam, dass nämlich da, wo der Mensch sich die Welt total verfügbar macht, diese verstummt, es dann keine Resonanz mehr gibt und der Mensch sich entfremdet fühlt. Rosa ist deshalb überzeugt, dass wir und unsere Beziehungen zur Welt nur dann lebendig sein können, wenn wir auch Unverfügbarkeit zulassen können oder wenigstens „Teilverfügbarkeit“ akzeptieren. Nur wenn wir über die Dinge und letztlich das Leben nicht ganz verfügen, können wir wirklich staunen, uns an Natur und Kunst freuen, kreativ sein, Liebe ohne Entfremdung leben und – wie beim Sport – gespannt auf den Ausgang des Wettkampfes sein.

Literatur:
Hartmut Rosa, Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp-Verlag.
Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, Residenz-Verlag.

Foto: Polina Tankilevitch /Canva

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